13. Januar 2017

Deutsch perfekt: Winternacht 
an der Surf-Oase

 

Die Eisbachwelle in München ist ein Hotspot für geübte Surfer und Touristen. Maximilian Schwarzkopf mag es ein bisschen extremer: Er surft dort nachts – und gern auch im Winter.
 

 

In dieser Nacht gibt es in München nettere Orte. Restaurants, Bars oder das Sofa in der warmen Wohnung zum Beispiel. Die Minusgrade fühlt man deutlich, und am Eisbach ist es noch kälter. Schwarz sieht das Wasser des Stadtbachs aus. Laut ist es auch, besonders neben der großen Prinzregentenstraße am südlichen Ende des Englischen Gartens. Denn hier tritt das Wasser unter einer Brücke als permanente Welle aus: Das ist die Eisbachwelle.

„Mir ist heiß“, sagt Maximilian Schwarzkopf und stellt Rad und Surfbrett ab. Der 38-Jährige ist einer der Eisbachsurfer. Die Sportler sind nicht nur in München bekannt. Touristen aus der ganzen Welt kommen zur Eisbachwelle, um sie zu fotografieren. Auch Surfer aus Australien, Hawaii oder den USA versuchen hier ihr Glück. Besonders im Sommer sieht man in der Stadt immer wieder Radfahrer mit Surfbrett unter dem Arm. Es gibt außerdem einen Dokumentarfilm über die Eisbachsurfer: Keep Surfing aus dem Jahr 2009.


Was macht die Eisbachwelle so besonders? „So etwas gibt es auf der Welt kein zweites Mal. Das Wasser hat hier einen extremen Druck“, erklärt Schwarzkopf. „Und direkt hinter der Welle sind mehrere große Steine. Die machen das Surfen nicht ungefährlich. Für die Eisbachwelle braucht man definitiv viel Übung.“

Das alles ist für Schwarzkopf nicht genug. Um die Herausforderung noch größer zu machen, geht er nachts surfen. „Dann ist die Eisbachwelle noch menschenfeindlicher. Und die Atmosphäre in der Natur ist fantastisch“, sagt er. Das Wetter ist dem 38-Jährigen egal – er trägt einen Ganzkörper-Neoprenanzug. Aus seinem Rucksack holt er mehrere LED-Lampen und befestigt sie an der Brücke. Der Effekt des Lichts ist toll: Das Wasser leuchtet grün und die Gischt der Welle weiß. Zwei andere Surfer freuen sich. Sie sind ohne Lampen gekommen und können erst jetzt ins Wasser.


Schnell macht Schwarzkopf alles für das Surfen fertig. Er hat Routine: Surfboard wachsen, damit seine Füße darauf mehr Halt haben. Stöpsel in die Ohren stecken, spezielle Handschuhe anziehen. Und schon springt er in den Eisbach, schwimmt ein bisschen und klettert wieder aus dem Wasser. Am Ufer macht er ein paar Dehnübungen. Dann befestigt er das Surfboard mit einer Schnur an seinem Bein. Es geht los: Schwarzkopf springt auf sein Board. Sofort steht er auf der Welle. Er surft zur anderen Uferseite und wieder zurück – und lässt sich ins Wasser fallen.


Die Strömung des Eisbachs will Schwarzkopf in den dunklen Englischen Garten treiben. Aber schon nach wenigen Metern ist er zum Ufer geschwommen, klettert aus dem Wasser und kommt zu Fuß zurück. Das Surfboard trägt er unter dem Arm. Er wartet, bis einer der beiden anderen Surfer vom Board fällt. Dann gehört die Welle wieder ihm. So geht es immer weiter – Schwarzkopfs Motivation und Euphorie bleiben konstant groß. „Oft sind hier auch nachts zehn Surfer“, erzählt er in einer kurzen Pause. „Aber es sind weniger als am Tag, und das ist das Gute. Nachts kann man mehr Tricks versuchen. Wenn man vom Board fällt, muss man danach nicht so lange warten.“ Ein Trick ist zum Beispiel der „360“: eine komplette Drehung mit dem Board.

Ein paar Menschen stoppen auf der Brücke und machen Fotos. Aber lange bleiben sie bei den niedrigen Temperaturen nicht stehen. Es ist Zeit für etwas Warmes. Schwarzkopf hat heißen Früchtetee mitgebracht. Aber eigentlich ist ihm gar nicht kalt in seinem Neoprenanzug. Außerdem ist es im Wasser wärmer als draußen. Hat er keine Angst, sich an den Steinen zu verletzen? „Bis jetzt ist mir noch nichts Schlimmes passiert. Deshalb übt man ja, bevor man auf der Eisbachwelle surft“, sagt er.

Seit 2008 ist er öfter an dem Hotspot. Vorher hat er auf einer einfacheren Flusswelle geübt: an der Floßlände im Süden von München. Das Surfen sieht bei ihm leicht und elegant aus. Aber es ist das Resultat von mehreren Jahren Surftraining. Schwarzkopf ist auch schon länger Kitesurfer. Außerdem fährt er Skateboard, Snowboard, Rad und Ski.

Auch international bekannte, professionelle Surfer müssen für die Eisbachwelle erst einmal üben. Denn das Surfen auf einem Fluss ist etwas komplett anderes als Surfen auf dem Meer. Im Fluss kommt die Welle von vorne, im Meer von hinten. Außerdem steht man im Eisbach auf der Welle – und die Welle steht auch. Konstruiert hat den Hotspot in den 80er-Jahren der Bayer Walter Strasser. Er hat eine Eisenbahnschwelle im Flussbett befestigt. Aber erst seit 2009 ist das Surfen dort wirklich legal – für geübte Surfer.

„Das hat heute wieder so viel Spaß gemacht!“, sagt Schwarzkopf, als er nach mehr als einer Stunde glücklich aus dem Wasser kommt. So viel Zeit zum Surfen wie früher hat er heute nicht mehr. Der 38-Jährige arbeitet als Scrum Master und Social Coach in einem Start-up, und er hat eine Familie. Schwarzkopf packt seine Sachen, zieht eine warme Wollmütze an und nimmt das Surfbrett unter den Arm. Dann steigt er auf sein Rad und fährt durch die Münchener Winternacht nach Hause.  

Eva Pfeiffer - Redakteurin bei Deutsch perfekt

 

 

eisbachsurfen

Eva Pfeiffer hat am Eisbach deutlich mehr gefroren als der Surfer Maximilian Schwarzkopf.