09. Mai 2017

Deutsch perfekt: „Ich bin auf Zeitreise“ – Interview mit Florian Huber

 

Das Meer als Museum: Auf seinen Tauchexpeditionen rekonstruiert der Unterwasserarchäologe Florian Huber die Vergangenheit. Was sieht er dabei alles? MITTEL

 

 

Herr Huber, wie ist die Arbeitsatmosphäre unter Wasser?

Einerseits ist das Atemgeräusch sehr laut. Andererseits ist das schon so normal für mich, dass ich es kaum noch höre. Man ist schwerelos im Raum und bewegt sich extrem langsam. Die Atmosphäre ist surreal, außerdem gibt es viele Tiere. Ich habe viel Freude an der Zeit unter Wasser.

Was genau sind Ihre Aufgaben während des Tauchens?

Die sind sehr unterschiedlich. Ich fotografiere und filme, zeichne, vermesse und nehme Proben, die ich später untersuche. Es gibt in meinem Job keine Alltagsroutine, auch weil ich sehr viel unterwegs bin. Mal tauche ich in einem Brunnen in Bayern, mal zu einem japanischen Schiffswrack in Mikronesien. Immer gleich ist nur das Ziel: Objekte aus der Vergangenheit zu finden und ihre Geschichte zu rekonstruieren. Als Taucher bin ich auf Zeitreise. Mal reise ich ins Mittelalter, mal in den Ersten Weltkrieg, mal in den Zweiten Weltkrieg. Oder noch viel weiter zurück in die Zeit der Maya in Mexiko.

Wie geht es an Land weiter?

Nach dem Tauchen mache ich die wissenschaftliche Analyse. Mit den Daten, die ich gesammelt habe, konstruiere ich am Computer dreidimensionale Modelle. Außerdem gehören zu meiner Arbeit Fundraising, Organisation und Logistik. Das Tolle an meinem Job ist die Kombination von Abenteuer und Wissenschaft – und das Tauchen ist das Schönste. Besonders faszinieren mich Schiffswracks.

Warum Schiffswracks?

Jedes Schiff auf dem Meeresgrund erzählt eine eigene Geschichte. Es kommt von einem Ort und hatte ein Ziel – und unterwegs ist etwas passiert. Ich finde das dramatisch, oft waren ja viele Menschen auf den Schiffen. Es gibt auf der ganzen Welt drei Millionen Schiffswracks.

Sie haben eine Firma für Forschungstauchprojekte. Von wem bekommen Sie Aufträge?

Meine Kunden sind Universitäten, Organisationen wie Greenpeace, aber auch Firmen. Ich arbeite mit vier Meeresbiologen zusammen. Bevor ich meine Firma gegründet habe, habe ich an der Universität in Kiel Unterwasserarchäologie unterrichtet.

Sie halten Vorträge, schreiben Bücher und machen Dokumentarfilme. Ist Ihre Motivation dabei idealistisch?

Auf jeden Fall. Es ist mir sehr wichtig, die Kultur zu schützen. Die Objekte unter Wasser, sie sind unsere Vergangenheit! Das Meer ist das größte und beste Museum der Welt. Illegale Schatzsucher sind wirklich ein Problem. Für historische Objekte aus dem Wasser gibt es einen gigantischen Markt, und manche Leute zahlen dafür viel Geld. Wir Archäologen sind aber der Meinung: Unser kulturelles Erbe gehört allen.

Welche deutschen Gewässer sind besonders interessant?

In der Nord- und Ostsee gibt es viele Schiffswracks. Toll sind auch die bayerischen Bergseen. Im Starnberger See gibt es prähistorische Pfahlbauten, die Unesco-Welterbe sind. Außerdem liegen auf dem Grund Autowracks und Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg. Vor der Insel Helgoland werde ich dieses Jahr einen Dokumentarfilm machen.

Was gibt es dort zu sehen?

Da liegen drei deutsche Kriegsschiffe aus dem Ersten Weltkrieg. Es gab dort eine Schlacht der Deutschen gegen die Engländer. Bis jetzt ist darüber nicht viel bekannt. Wenn wir die Wracks untersuchen, wissen wir mehr.

Interview: Eva Pfeiffer

 

Hier erklären wir Ihnen schwierige Wörter:


das Forschungstauchprojekt, -e, ≈ Projekt, bei dem man taucht, um mehr Informationen über ein Objekt unter Wasser zu bekommen
(die Forschung, -en, Arbeit für mehr Wissen)
(tauchen, unter Wasser schwimmen)

das Atemgeräusch, -e, Geräusch der Luft, die aus Mund und/oder Nase kommt
(das Geräusch, -e , Laut)

schwerelos, so, dass man ohne Gewicht ist

der Raum, hier: ≈ Areal ohne genaue Grenzen in Breite, Höhe oder Länge
(die Höhe, -n , von: hoch)

vermessen, genau prüfen, wie lang oder groß etwas ist

die Probe, -n, hier: kleine Menge vom gefundenen Objekt und/oder der Fundstelle

mal …, mal …, hier: bei einem Projekt …, beim nächsten …

der Brunnen, -, ≈ Konstruktion aus Stein, mit der man Wasser nach oben holt

das Schiffswrack, -s, Schiff, das sehr kaputt ist

das Mittelalter, historische Zeit von ungefähr 500 bis 1500 nach Christus

weitergehen, hier: als Nächstes passieren

wissenschaftlich, hier: ≈ systematisch

dreidimensional, ≈ in drei geometrischen Größen, die die Lage eines Objektes in einem Raum zeigen

gehören zu, ≈ ein Teil sein von

das Abenteuer, -, gefährliches, nicht alltägliches Ereignis

faszinieren, hier: sehr gut gefallen

der Meeresgrund, Boden tief unten im Meer

gründen, starten

einen Vortrag halten, ≈ vor Publikum reden

der Schatzsucher, -, Person, die nach einer Menge von Gegenständen mit hohem Preis (z. B. Gold und Silber, Schmuck) sucht

das Erbe, hier: Gegenstände aus der Vergangenheit

das Geässer, z. B. Fluss, See

prähistorisch, ≈ in der Zeit, als es noch keine Schrift gab

der Pfahlbau, -ten, historisches Haus, das im oder am Wasser auf hohen Teilen aus Holz steht

das Welterbe, Gebäude, Städte und Landschaften in aller Welt, die man für die Menschen in Zukunft schützen soll

die Schlacht, -en, schwerer Kampf im Krieg

 

 


Florian Huber (41) ist Unterwasserarchäologe und hat eine Firma für Forschungstauchprojekte. Er macht außerdem Dokumentarfilme und schreibt Bücher über das Tauchen. Der Bayer lebt in Kiel.

 

 

Deutsch perfekt: 05/2017

Deutsch perfekt Ausgabe 5-17

 

 

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