03. August 2016

Deutsch perfekt: Schriftstellerin Juli Zeh - Exzentriker leben heute auf dem Land

Juli Zeh Portrait auf der Straße

Das Interview von Juli Zeh und Deutsch perfekt Chefredakteur Jörg Walser:

Jörg Walser: Sieben von den zehn erfolgreichsten Schriftstellern auf der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste Belletristik leben wenigstens teilweise in der Provinz. Eine von diesen sieben sind Sie. Ist die Provinz inspirierender als die Großstadt?

Juli Zeh: Das glaube ich nicht. Ich würde eher die These aufstellen, dass Schriftsteller, anders als Angestellte, einfach die Möglichkeit haben, aufs Land zu ziehen und das deshalb auch machen. Diesen Wunsch haben ja sehr viele Menschen. Aber das ist schwierig für Leute, die morgens um 9 Uhr im Büro sein müssen.

Jörg Walser: Kleine Gegenthese: Kinder werden kreativ, wenn sie sich langweilen. Nun ist auf dem Land ja viel weniger los als in der Stadt. Sind Sie kreativer, seit Sie in Ihrem Dorf leben?

Juli Zeh: Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich schreibe eher weniger als früher. Ich finde es lustig, dass Sie überhaupt diese Frage stellen, die Provinz als inspirierend zu betrachten. Ich bin vor zehn Jahren immer ganz selbstverständlich gefragt worden: Ich würde ja in großen Städten leben und das sei bestimmt auch deswegen, weil die Großstadt für den Autor inspirierend ist. Da tobt ja das Leben, darüber kann man schreiben. Ich habe damals schon gesagt, dass es für meine Arbeit nicht so einen großen Unterschied macht, wo ich bin.

Jörg Walser: Sie sind 2007 von Leipzig in ein kleines Dorf in Brandenburg gezogen. Hat Ihnen die Stadt nicht mehr gefallen?

Juli Zeh: Tatsächlich hat mir Leipzig damals nicht mehr gefallen. Trotzdem wollte ich nicht aufs Land. Mein Mann und ich wollten nach Berlin ziehen, wie das damals viele taten. Bei der Wohnungssuche sind wir auf dieses Haus in Brandenburg gestoßen – und haben es einfach gekauft. Das war eine sehr wenig durchdachte Entscheidung. Die entsprach überhaupt nicht dem, was wir uns vorgenommen hatten fürs Leben.

Schriftstellerin Juli Zeh Portrait

Jörg Walser: Wie wurden Sie aufgenommen?

Juli Zeh: Supergut. Wir haben wirklich massive Sorgen gehabt, dass wir aus ganz verschiedenen Gründen dort für die Menschen einen negativen Reiz darstellen könnten. Wir waren nicht nur Städter, sondern Wessis und auch noch Künstler. Zwei Faktoren haben uns alle Ängste wieder genommen. Wir erfuhren, dass in dem Dorf und in der Region viele homosexuelle Paare leben, ohne irgendwelche Akzeptanzprobleme. Da haben wir gedacht: Super! Wenn die Menschen gegenüber Homosexuellen so tolerant sind, dann können wir als Künstler auch nicht an-ecken. Das andere war: Unsere Nachbarn erzählten uns sehr bald, dass sie am Anfang Angst vor uns hatten. Weil sie dachten, dass wir mit diesem L auf dem Autonummernschild – L wie Leipzig – Sachsen sein könnten. Und wenn es eines gibt, worauf die Brandenburger keine Lust haben, dann sind das Sachsen!

Jörg Walser: Es gibt auch Dörfer, in denen Fremde nicht sehr willkommen sind. War das vielleicht einfach ein bisschen Glück?

Juli Zeh: Das fragen wir uns auch. Aber wir hören auch viel von Menschen aus anderen Dörfern. Ich habe von diesen typischen Schwierigkeiten, die das Vorurteil nahelegt – alles voller Nazis und fremdenfeindlich –, aus den Erzählungen oder den eigenen Erlebnissen nichts mitbekommen. Das heißt nicht, dass es das nicht gibt. Aber das ist als Phänomen wohl doch viel punktueller, als man glaubt.

Jörg Walser: Mit Ihrem neuen Buch Unterleuten (https://www.sprachenshop.de/romane/unterleuten) haben Sie einen komplexen Gesellschaftsroman geschrieben. Wie komplex ist so eine Dorfgemeinschaft denn wirklich?

Juli Zeh: Als Gemeinschaft finde ich sie nicht so unglaublich komplex. Weil dort einfach alle an einem Ort leben, ohne dass sie sich als Nachbarn ausgesucht haben. Das kann man nicht sehr leicht ändern. Gerade das macht es aber so spannend. Das Großstadtleben kann oft einfacher sein: Wenn einem etwas nicht gefällt, zieht man eben einfach weg. Die meisten Menschen in den deutschen Städten sind Mieter. Die können ziemlich leicht die Wohnung wechseln. Das ist im Dorf gar nicht so. Die Menschen, die dort wohnen, gehen im Normalfall so schnell nicht weg. Sie sind gezwungen, Konflikte tatsächlich zu leben. Das ist etwas, was wir als Gesellschaft in der letzten Zeit ein bisschen verlernt haben.

Schriftstellerin Juli Zeh Portrait 2

Jörg Walser: Können Menschen auf dem Land Konflikte besser austragen?

Juli Zeh: Ganz klar ja. Es gibt auf dem Dorf nicht die Möglichkeit zur Harmoniesucht. Wenn Menschen sich gegenseitig auf die Nerven gehen, muss man sich in irgendeiner Weise damit auseinandersetzen und Lösungen finden. Das führt einfach dazu, dass Menschen auch in Bezug auf die eigene Belastbarkeitsgrenze viel entspannter werden. Mein Eindruck ist, dass wir extrem empfindlich geworden sind: Jeder Mensch hat das Gefühl, die Welt muss eigentlich nach seinen Bedürfnissen gestrickt sein – die Welt als Wunschkonzert. Das macht einen zum gefährlichen Konfliktpartner. Menschen auf dem Land habe ich viel weniger egozentrisch erlebt, gemeinschaftsorientierter und auch viel toleranter. Deshalb ziehen besonders viele Exzentriker aufs Land – so exotische Menschen, von denen man immer eher glaubte, die trifft man mitten in Berlin, Londons oder New York. Meine Erfahrung ist: Die leben in der tiefsten Provinz, weil die Städte eine ziemlich gleichgeschaltete Angelegenheit geworden sind.

Jörg Walser: Was ist der größte Unterschied zwischen Dorf und Stadt?

Juli Zeh: So wie ich das im Buch baue, leben die Dorfbewohner mit ihrer Mentalität noch im 20. Jahrhundert. Sie haben einen inneren Kern von fester Identität und glauben an bestimmte Prinzipien. Anders die Städter, die mehr fürs 21. Jahrhundert stehen: Sie spüren alle ein Loch in ihrer Mitte. Die haben einen Identitätskonflikt. Sie drehen sich stark um sich selbst, um Fragen wie: Wer bin ich? Wie will ich leben? Muss ich mich ändern? Was will ich überhaupt? Sie kämpfen mit Fantasien, die sie von sich selbst haben – und mit der Frage, ob sie erfolgreiche Menschen sind oder nicht. Das sind so typische innere Bewegungen, mit denen wir alle kämpfen.

Jörg Walser: Wie idyllisch ist das Landleben denn wirklich?

Juli Zeh: Die Idylle, die viele Städter mit dem Land assoziieren, kommt ja am ehesten von Landlust-Magazinen. Das sind Publikationen mit extrem großen Auflagen, viel höher als die Auflagen von Magazinen wie Stern oder Spiegel. Die sehen im Provinzleben vor allem so eine ästhetische Oberfläche. Da geht es um schöne alte Bauernhäuser, alles so ein bisschen Vintage, aber gleichzeitig sehr kreativ. Das hat mit dem Leben im realen Dorf absolut gar nichts zu tun. Das ist auch ein Grund, warum Zugezogene mit ihrem Traum von der Selbsterneuerung in der ländlichen Idylle grandios scheitern. Was sie erwarten, das finden sie nicht.

Jörg Walser: Sie haben zehn Jahre an Unterleuten gearbeitet. Genau in dieser Dekade ist das Landleben zu diesem großen gesellschaftlichen Thema geworden. Hatten Sie da nicht mal ein bisschen Angst, mit Ihrem Roman zu spät zu kommen?

Juli Zeh: Schon. Aber nicht so sehr aus Angst vor diesen Magazinen, sondern weil in den letzten zehn Jahren auch viele andere Dorfromane erschienen sind. Davor hatte ich zwischendurch schon große Angst.

Jörg Walser: Woher kommt dieser Literaturtrend?

Juli Zeh: Diese Frage wird die Germanistik einmal beantworten. Meine Vermutung ist, dass die Literatur da etwas nachzeichnet, was wir alle spüren: diese Sehnsucht, diesen neuen Eskapismus, diesen Wunsch danach, eine komplexe Welt zu verlassen.

Jörg Walser: Können Sie sich umgekehrt vorstellen, Ihre Dorfwelt einmal zu verlassen und wieder in die Stadt zu ziehen?

Juli Zeh: Momentan tatsächlich nicht, weil ich wirklich sehr froh bin, wo ich lebe. Aber die Gegend, in der wir leben, ist eine vergessene Region. Es gibt keine Ärzte, keine Einkaufsmöglichkeiten. Es gibt wirklich gar nichts. Das ist für alte Leute eine Tortur. Deshalb könnte ich mir schon vorstellen, dass wir in der weiter entfernten Zukunft einmal sagen: Wir gehen jetzt wieder in eine Stadt.

 

Wir danken Juli Zeh für das interessante Interview und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute.

Ihr Chefredakteur von Deutsch perfekt,

Jörg Walser

Schriftstellerin Juli Zeh Portrait 3

Die Autorin Juli Zeh

Die Tochter eines Direktors beim Deutschen Bundestag wurde 1974 in Bonn geboren. 1998 machte sie das beste Jura-Examen in ganz Sachsen. Parallel zu ihrer Beschäftigung mit diesem Fach studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, einer von ganz wenigen universitären Institutionen in Deutschland, an denen literarisches Schreiben studiert werden kann. Als Schriftstellerin wurde Juli Zeh mit Romanen wie Adler und Engel (2001) und Spieltrieb (2004) berühmt. Bekannt ist sie auch, weil sie regelmäßig öffentlich ihre Meinung zu politischen Themen sagt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem kleinen Dorf in Brandenburg. In so einem Dorf spielt auch ihr aktueller, 640 Seiten dicker Gesellschaftsroman Unterleuten, der zum Bestseller wurde.

www.juli-zeh.de oder unter www.facebook.com/julizeh.autorin/

Die berühmtesten Werke von Juli Zeh

Sollte Sie das Interview von Juli Zeh neugierig gemacht haben, dann seien Sie versichert, dass Sie nicht alleine sind. Die Erfolgsautorin hat schon zahlreiche namhafte Werke veröffentlicht! In unserem SprachenShop (www.sprachenshop.de/juli-zehhaben wir auf einer Seite die wichtigsten und bedeutendsten Werke von Juli Zeh für Sie vorbereitet.

 

Hier sind unsere Top drei Romane von Juli Zeh:

Juli Zeh - Unterleuten

Juli Zeh - Unterleuten

https://www.sprachenshop.de/romane/unterleuten

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden.

 

 

Juli Zeh - Spieltrieb

Juli Zeh - Spieltrieb

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Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann der Zwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten.

 

 


Juli Zeh - Adler und Engel

Juli Zeh - Adler und Engel

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Jessie ist tot. Sie hat sich erschossen, während sie mit Max telephonierte.
Zu Schulzeiten der geborene Versager, picklig und übergewichtig, hat Max aus sich selbst das Projekt seines Lebens gemacht: Einen Karrierejuristen. Innerhalb von zehn Jahren hat er sich hochgearbeitet, aus eigener Kraft, wie er glaubte. Zu Rufus nach Wien, auf den Olymp des Völkerrechts, von wo aus die Staatengemeinschaft aussieht wie ein paar Kinder, die sich gegenseitig Sand in die Augen werfen.

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Das Interview mit Juli Zeh finden Sie in der Ausgabe 08/2016 von Deutsch perfekt. Diese können Sie in unserem SprachenShop erwerben, als gedruckte Einzelausgabe oder als E-Paper zum Download.

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