06. September 2016

ECOS – Politische Entwicklung Lateinamerikas seit 1990

Lateinamerika in den Neunzigerjahren

Den historischen Hintergrund der 90er-Jahre bilden der Fall der Berliner Mauer und das Verschwinden des Ost-West-Gegensatzes (Kapitalismus versus Kommunismus). Doch trotz ihrer ungeheuren Bedeutung haben diese Ereignisse keine unmittelbaren Auswirkungen auf Lateinamerika. Einzige Ausnahme: Kuba, dessen Wirtschaft von der Sowjetunion subventioniert und dessen Produktionsapparat vom Handel mit den kommunistischen Ländern Osteuropas abhängig war.

Indirekt bewirkte der Niedergang der Sowjetunion eine Entspannung der Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika, die lange durch US-Interventionen (Vorwand: der Kommunismus dürfte sich in der Nachbarschaft der USA nicht ausbreiten, und es sollte kein zweites Kuba geben) in den verschiedenen Ländern geprägt waren.

In den 90ern waren die von den USA unterstützten oder tolerierten Militärdiktaturen endlich Geschichte. Die argentinische Militärdiktatur endete mit der militärischen Niederlage im Malwinen-/Falklandkrieg 1982, doch die nachfolgenden demokratischen Regierungen arrangierten sich mit dem “Schlusspunkt-Gesetz”, das den in Menschenrechtsverletzungen verwickelten Personen praktisch Straffreiheit gewährte. Dieses Gesetz wurde erst 2005 vom argentinischen Verfassungsgericht aufgehoben.

Nicht weniger skandalös war der Fall Chile: Augusto Pinochet verlor 1989 die Volksabstimmung über seinen Amtsverbleib, was nach der Diktatur zur ersten demokratischen Regierung führte. Aber Pinochet sicherte sich die Befehlsgewalt über das Militär bis 1998; danach wurde er Senator auf Lebenszeit. Obwohl die Gerichte ihn bedrängten, starb er ohne verurteilt zu werden. Er hinterließ eine tief gespaltene Gesellschaft.

 

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Geschichte LateinamerikasGeschichte Lateinamerikas vom 20.Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Wirtschaft: ALCA, NAFTA und ALBA

Im Allgemeinen führten die Neunzigerjahre nach dem von Schuldenkrisen geprägten Jahrzehnt zuvor zu einer wirtschaftlichen Erholung. Mit dem Brady-Plan wurde seit  1992 der Schuldendienst neu organisiert und seine negativen Folgen für die Wirtschaft vermindert. Es gab Reformen neoliberalen Zuschnitts und große ausländische Investitionen. Mit China trat ein neuer Player auf den Plan mit dem Bestreben, den Rohstoffzugang zu sichern.

US-Präsident George Bush träumte von einer Amerikanischen Freihandelszone (ALCA, Área de Libre Comercio de las Américas), die aber nie realisiert wurde.

Größere Bedeutung hatte NAFTA (North American Free Trade Area), auf Spanisch TLC (Tratado de Libre Comercio), das 1994 von Kanada, USA und Mexiko ratifiziert wurde. Dieses zwischenstaatliche Abkommen garantierte den freien Waren- und Kapitalverkehr zwischen den drei Ländern, nicht aber die Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Von mexikanischer Seite gab es heftige Gegenreaktionen, und die Auswirkungen auf die mexikanische Wirtschaft, im Besonderen auf die Landwirtschaft, sind häufig negativ. Andererseits: 80-85 % der mexikanischen Exporte gehen in den amerikanischen Markt, was eine größere Verzahnung mit dem Rest Lateinamerikas verhindert.

Politikerin Lateinamerika

Venezuela

Die heftigsten Reaktionen gegen die wirtschaftlichen Expansionspläne der USA kamen aus Hugo Chávez´ Venezuela. Aus dessen Sicht handelte es sich dabei nur um eine moderne Variante US-amerikanischer Einmischung. Um dem entgegenzuwirken, initiierte Hugo Chávez ALBA (Alianza Bolivariana para los pueblos de nuestra América). Dank der Möglichkeiten aufgrund des Erdöls wollte man die wirtschaftlichen Flüsse zugunsten lateinamerikanischer Interessen umleiten. Chávez´ Pläne waren von Anfang an ideologisch aufgeladen und wurden nicht von allen geteilt. Starke Polarisierung: Länder wie Bolivien (Beitritt zu ALBA unter Evo Morales, 2006), Nicaragua (Daniel Ortega, 2007), Ecuador (mit Rafael Correa, 2008) und Honduras (2008) schlossen sich an.

Venezuela behielt die demokratische Verfassung bei. Gleichzeitig hielt es enge Verbindungen zur kubanischen Regierung: Caracas lieferte Erdöl zu günstigen Konditionen im Austausch gegen die Entsendung kubanischer Lehrer und Ärzte.

Unter dem Präsidenten Nicolás Maduro steht das bolivarianische Projekt momentan sehr unter Druck.

Anderenorts erfreuen sich Evo Morales (Bolivien) und Rafael Correa (Ecuador) nach wie vor großer Unterstützung.


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VenezuelaSpanisch in Venezuela

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Kolumbien

Venezuelas Nachbarland Kolumbien war nie Teil des ALBA-Plans. Kolumbien, besonders unter Álvaro Uribe (2002-2010) sehr konservativ regiert, suchte ein besonderes Verhältnis zu den USA. 2009 kam es zur Unterzeichnung eines Militärabkommens, offiziell zur Unterstützung der kolumbianischen Regierung im Kampf gegen Drogen. Abgesehen vom  Kampf gegen Drogenkartelle litt Kolumbien unter der Präsenz von Guerrillagruppen. Erst im Sommer 2016 konnte ein Friedensabkommen zwischen der Guerrillagruppe FARC und dem kolumbianischen Staat unter Präsident Juan Manuel Santos unterzeichnet werden. Die Kämpfe hatten über ein halbes Jahrhundert angedauert und zur Zwangsvertreibung und Enteignung von Millionen Bauern geführt, die dann am Rande der Großstädte ums Überleben kämpften.


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Peru Bolivien KolumbienPerú - Bolivia - Colombia

Verschiedene Aspekte aus Vergangenheit und Gegenwart der drei Länder, z. B.: Alltagsleben im Amazonas, soziale Probleme und Armut, Hintergrundinfos zu indigener Andenkultur und einem Portrait von Simón Bolívar, dem Unabhängigkeitskämpfer, Nationalheld und Namensgeber Boliviens.

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Lateinamerika heute

Das Drogenthema bleibt ein Übel in mehreren lateinamerikanischen Ländern. Mexiko etwa erlebt momentan eine Phase wirtschaftlichen Aufschwungs – vor dem Hintergrund zahlloser Morde und Entführungen. Ebenso alarmierend ist die Tatsache, dass der Staat außer Stande ist, die Verbrechen einzudämmen und zu kontrollieren.

Aber das Alltagsleben verläuft in diesen Ländernin normalen, offenen und sehr vielfältigen Bahnen. Der letzte Bericht der Comisión de Economía para América Latina (CEPAL) der UN erwähnt mehrere Aspekte, die zu Optimismus Anlass geben:

– Das Bevölkerungswachstum und besonders das Wachstum der Städte geht zurück

– Anhebung des Bildungsniveaus der jungen Menschen

– Relativer Machtzuwachs von sozialen Gruppen, die zuvor am Rand der Gesellschaft lebten

– Machtverlust der extremen Rechten und der extremen Linken

– Stärkung und größere Akzeptanz demokratischer Praxis und das Erscheinen neuer Führungsformen

Politiker Lateinamerika

Langsame, aber reale Veränderungen: die Wahl eines Staatschefs mit indigenen Wurzeln wie Evo Morales in Bolivien zeigt, dass die Dinge sich ändern.

2010 feierten mehrere Länder Lateinamerikas 200 Jahre der Unabhängigkeitserklärung von Spanien. Mittlerweile erfahren in der Geschichtsschreibung und auch im täglichen Leben solche gesellschaftlichen Gruppen größere Präsenz, die zuvor von jeglicher Teilhabe ausgeschlossen waren:Frauen, Schwarze, Indigene und Bauern fordern den Raum und die Chancen, die ihnen schon lange zustehen.

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Dieser Artikel wurde aus dem Spanischen übersetzt und befindet sich im Original als Artikel "El desarrollo político de América Latina" in der Ausgabe 08/16 von ECOS. Diese können Sie in unserem SprachenShop einzeln bestellen, entweder als gedrucktes Einzelheft oder als E-Paper.