26. October 2016

Deutsch perfekt: „Mir fehlten die Wörter“ — Interview mit Yi Luo

„Mir fehlten die Wörter“
Seit neun Jahren lebt die Chinesin Yi Luo in Deutschland. Jetzt hat die Comiczeichnerin aus ihren Erfahrungen ein Buch gemacht. Ein Treffen mit ihr in Augsburg, wo alles begann. — Interview: Eva Pfeiffer
 

Gratis-Comic-Tag in der Stadtbibliothek Augsburg. Es ist ein lebhafter Samstag in der bayerischen Universitätsstadt. Nebenan auf dem Markt kaufen Menschen kulinarische Spezialitäten oder einfach Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Käse und Blumen für das Wochenende. Auch in der Bibliothek ist es laut und voll, überall stehen Stände mit Comics. Kinder, Jugendliche und Erwachsene schauen sich die Hefte und Bücher an oder machen bei einer Gewinnaktion mit. Beim Gratis-Comic-Tag, der seit 2010 jedes Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfindet, gibt es an vielen verschiedenen Orten spezielle kostenlose Comichefte. Außerdem stellen Comicläden und -zeichner neue Publikationen vor. So wie Yi Luo. Die 31-jährige Chinesin sitzt hinter einem Stand, an dem man ihr Comicbuch-Debüt Running Girl kaufen kann. Luo publiziert schon seit ein paar Jahren gezeichnete Kurzgeschichten. Aber das erste Buch, das ist eine ganz große Sache – und in diesem Fall sehr persönlich. In Running Girl erzählt Luo von ihrer Anfangszeit in Deutschland – als Studentin und als Kellnerin in einem Sushi-Restaurant. Das Interview findet in der Orangerie, dem Café in der Stadtbibliothek, statt.

 


Eva Pfeiffer: Frau Luo, in einer Szene in Ihrem Comic wartet die Hauptfigur Li spätabends auf den Bus. Da fährt ein Auto vorbei, aus dem heraus jemand schreit: „Ausländer!“ Ist das so in der Realität passiert?

Yi Luo: Ja. Das hat mich damals ziemlich schockiert. Ich hatte Angst, weil es spät und ich alleine war. Aber das Auto ist zum Glück weitergefahren.

Eva Pfeiffer: Keine schöne Situation.

Yi Luo: Nein, aber ich habe in Deutschland vor allem den Kontrast dazu kennengelernt: Die meisten Menschen, die ich hier getroffen habe, sind tolerant und offen.

Eva Pfeiffer: Ist Ihr Comic komplett autobiografisch?

Yi Luo: Ich habe sehr viele eigene Erfahrungen verarbeitet. Die Hauptfigur zum Beispiel heißt ja Li You. Ich habe sie so genannt, weil viele Deutsche meinen Namen falsch schreiben oder aussprechen. Manche Szenen in Running Girl sind auch von den Geschichten anderer inspiriert, vor allem von meinen chinesischen Freunden. Für mich ist das Zeichnen eine Möglichkeit, mich zu artikulieren. Als ich 2007 nach Deutschland kam, konnte ich die Sprache noch nicht sehr gut. Das hat mich traurig und unsicher gemacht.

Luos Deutsch ist heute fast akzentfrei. Sie hört genau zu und denkt konzentriert nach, bevor sie antwortet.

Eva Pfeiffer: Zum Thema Sprache fällt mir eine Szene ein, in der Li denkt: „Ein fremdes Wort führt oft zu vielen weiteren Wörtern, die ich auch nicht verstehe.“

Yi Luo: Genau so war es: Mir fehlten die Wörter. Das hat mich sehr frustriert. Also habe ich meine Erfahrungen und Gedanken gezeichnet und auf meinem Blog gepostet. Darauf gab es viele Reaktionen, viele Menschen haben mir geschrieben. Das war für mich der Anfang eines Heimatgefühls.


Eva Pfeiffer: Können Sie das erklären?

Yi Luo: Kontakte und Kommunikation waren für mich elementar, um in Deutschland emotional anzukommen. In Running Girl ist Li ziemlich einsam und fühlt sich fremd. Ein Grund dafür ist, dass sie abends immer zu Hause bleibt und mit ihrem Freund in China telefoniert. So war das bei mir mit meinem Exfreund. Er war eine Art Zufluchtsort für mich, wenn ich mit der Außenwelt nicht klar kam.

Eine Frau kommt im Café an den Tisch. In der Hand hat sie ein Exemplar von Running Girl. „Kann ich ein Autogramm bekommen?“, fragt sie. Luo lächelt und antwortet: „Ja, klar.“ Ein Autogramm, das ist bei Comiczeichnern keine Unterschrift mit dem Namen, sondern – logisch – eine Zeichnung, oft eine Karikatur von sich selbst. So auch bei Luo.

Eva Pfeiffer: Sie empfehlen Ausländern in Deutschland also: rausgehen und mit Menschen reden.

Yi Luo: So findet man Kontakte – auch wenn man die Sprache noch nicht so gut spricht. Man darf keine Angst haben, beim Reden Fehler zu machen. Und man sollte auf keinen Fall in seinem kleinen Kreis bleiben. Ich persönlich würde jedem raten: Finde deine individuelle Stärke. Damit wirst du andere Menschen faszinieren. Das kann Tanzen, Sport, Kochen oder etwas ganz anderes sein. Und bleib positiv.

Eva Pfeiffer: Ist es Ihnen gelungen, immer positiv zu bleiben? Zum Beispiel bei der Suche nach einem Verlag, der Ihre Zeichnungen publiziert?

Yi Luo: Das war schwierig! Ich habe mich schon vor vier Jahren bei Verlagen beworben. Immer wieder. Letztes Jahr hat es endlich geklappt – und dann auch noch bei meinem Favoriten Reprodukt.

Luos Zeit wird knapp. Sie muss zurück an ihren Stand, wo noch mehr Comicfans auf ein Autogramm warten.

Eva Pfeiffer: Frau Luo, eine letzte Frage: Reisen Sie oft nach China?

Yi Luo: Einmal im Jahr. Ich habe mit Deutschland und China jetzt zwei Heimatorte. Das finde ich schön.
 


Yi Luo

Yinfinity

Die 31-Jährige ist in der Hafenstadt Tianjin im Norden Chinas geboren und hat in Shanghai studiert. Seit 2007 lebt sie in Deutschland. Nach einem Studium der Illustration an der Hochschule Augsburg studiert sie zurzeit Animation an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Unter dem Künstlernamen Yinfinity arbeitet sie als Zeichnerin und Illustratorin. Für ihr Comicbuch-Debüt Running Girl hat Luo im Juli 2016 ein Literaturstipendium über 6000 Euro bekommen.