22. März 2017

Deutsch perfekt: „Man ist vom Rest der Welt isoliert“ - Interview mit Christiane Heinicke

 

Ein Jahr lang auf dem Mars leben – geht das? Christiane Heinicke erzählt von Alltag, Aufgaben und Salsa-Abenden während eines Simulationsprojekts. Sie nahm als einzige Deutsche an einem Mars-Simulationsprojekt der NASA auf Hawaii teil. Über das Experiment mit einem internationalen Team hat die Geophysikerin aus Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) ein Buch geschrieben: Leben auf dem Mars.

 

 

Frau Heinicke, Sie haben für das Simulationsprojekt der NASA ein Jahr lang mit fünf Menschen zusammengelebt – isoliert und auf engem Raum. Gab es da oft Konflikte?
Die gute Nachricht ist: Wir sind alle heil aus der Mission herausgekommen. Aber ja, es ist eine extreme Situation, in der es immer wieder Konflikte gibt. Man ist zusammen mit fünf anderen Menschen vom Rest der Welt isoliert. Zwar hatte jeder von uns ein eigenes kleines Zimmer. Aber allein war man trotzdem selten.

Geht man in so einer Situation anders mit Konflikten um?
Ja. Es ist dann besonders wichtig, Konflikte so schnell wie möglich zu lösen. Deshalb haben wir jeden Abend zusammen über die Ereignisse des Tages gesprochen.

Wie sah der Tag für Sie aus?
Das war unterschiedlich. Manchmal hatte ich Außeneinsätze. Eine meiner Aufgaben war die Extraktion von Wasser. Der Boden auf Hawaii ist sehr trocken, enthält aber trotzdem ein bisschen Wasser. Ich habe eine Art Gewächshaus gebaut, in dem ich das verdunstende Wasser aufgefangen habe. In dem ganzen Jahr waren das circa 100 Liter. Das System funktioniert im Prinzip auch auf dem Mars. Die Außeneinsätze waren das Schönste an dem Projekt. Natürlich haben wir dabei immer spezielle Raumanzüge getragen. Wenn ich keine Außeneinsätze hatte, habe ich zum Beispiel am Computer gearbeitet. Es gab immer etwas zu tun. Abends haben wir gekocht, meistens etwas Gefriergetrocknetes oder aus der Dose. Danach haben wir etwas zusammen gemacht, wir hatten einen Brettspiel-Abend und einen Film-Abend. Manchmal haben wir auch Salsa-Tanzabende veranstaltet. Diese gemeinsamen Aktionen waren wichtig für die Gruppe.

In Ihrem Buch erzählen Sie von der Idee für einen Aprilscherz: Die Crew sollte nach draußen mitteilen, dass zwei Mitglieder bald Eltern werden – also ein Marsmissions-Baby auf dem Weg ist. Wie kamen Sie darauf?
Viele Medien wollten wissen, ob in der Crew Beziehungen entstanden sind. Diese Fragen fanden wir ziemlich intim und frustrierend. Denn das war ein wissenschaftliches Projekt, und wir hatten alle unsere Aufgaben. Der Aprilscherz sollte die Fragen mit Humor kontern.

Aber die sozial-psychologische Komponente ist bei dem Projekt ja schon sehr interessant. Sie haben auch Experimente dazu gemacht.
Ja, verschiedene. Wir haben zum Beispiel in Gruppen am Computer gespielt und Aufgaben gelöst. Das Ziel war, zu sehen, wie gut die Kooperation funktioniert. Aber die Resultate sind noch nicht komplett analysiert.

Welche Eigenschaften sollte man für eine Marsmission haben?
Man sollte sich gut an eine extreme Umgebung anpassen können – und an eine Gruppe. Außerdem sollte man tolerant und zu Kompromissen bereit sein. Das Team steht an erster Stelle.

Wie ist es seit dem Ende des Projekts für Sie weitergegangen?
Ich kann mich noch an die frischen Himbeeren erinnern, die ich bei meinem ersten Frühstück draußen gegessen habe. Wir haben alle erst einmal ein paar Tage Urlaub auf Hawaii gemacht. Endlich die Palmen sehen und im Meer schwimmen! Natürlich haben wir bald an der Analyse der Simulation gearbeitet. Und ich habe mein Buch darüber geschrieben.

Würden Sie an einer echten Marsmission teilnehmen?
Wenn ich die Möglichkeit hätte – auf jeden Fall.


Interview: Eva Pfeiffer

 

 

Hier erklären wir Ihnen schwierige Wörter:

auf engem Raum

hier: so, dass jeder Einzelne nicht viel Platz für sich selbst hat und alle dauernd Kontakt miteinander haben müssen

heil
- gesund

herauskommen

hier: beenden

umgehen mit

hier: leben mit

der Außeneinsatz, -e

hier: Arbeitsaktion außerhalb der Simulationsstation

enthalten

- zum Inhalt haben

das Gewächshaus, -er

Glashaus, in dem Pflanzen unter sehr guten Bedingungen - wachsen können

verdunsten

- zu Wasserdampf werden

(der Wasserdampf ≈ Wasser, das als Nebel nach oben steigt)

auffangen

hier: ≈ in einem speziellen Container sammeln

der Raumanzug, -e

- spezieller Anzug, um sich im Universum zu bewegen

gefriergetrocknet

- durch Trocknen bei extrem niedriger Temperatur konserviert

der Brettspiel-Abend, -e

- Abend, an dem man Brettspiele spielt

(das Brettspiel, -e - Spiel, das man mit (geometrischen) Figuren aus Plastik oder Holz auf einem flachen Stück aus Holz oder dickem Papier spielt)

der Aprilscherz, -e

- Spaß am 1. April

auf dem Weg sein

hier: bald geboren werden

kommen auf

hier: die Idee haben für

entstehen

hier: beginnen

frustrierend

≈ so, dass etwas traurig und ärgerlich macht

wissenschaftlich

hier: so, dass Experten aus verschiedenen Sektoren (z. B. Physik) systematisch etwas untersuchen

kontern

hier: ≈ so gegen die Art der Fragen protestieren

die Eigenschaft, -en

≈ spezielle Art des Charakters einer Person

man sollte …

hier: es wird empfohlen, dass man …

sich an … anpassen

hier: sich so ändern, dass man gut mit … zurechtkommt

bereit sein zu

hier: machen wollen und können

Wie ist es weitergegangen?

hier: Was ist passiert?

die Himbeere, -n

- rote Beere

erst einmal

hier: als Erstes

echt
- real; wirklich