20. Juni 2017

Deutsch perfekt: Als Kapitän auf der Sea-Watch

 

 

„Ich weiß nicht, ob das gute oder schlechte Menschen sind“

 

Private Hilfsorganisationen wie Sea-Watch retten Menschen, die bei der Flucht über das Mittelmeer nach Europa in Seenot sind. Carola Rackete erzählt vom Alltag als Kapitän auf der Sea-Watch – und von ihrem schlimmsten Arbeitstag.
Interview: Eva Pfeiffer

 

Frau Rackete, wie wird man Kapitän? Oder soll ich Kapitänin sagen?
Das Wort Kapitänin gibt es zwar offiziell, aber ich mag Kapitän lieber und nenne mich auch so. Ich finde, das klingt besser. Für den Beruf habe ich vier Jahre lang Seefahrt studiert und ein Jahr davon komplett auf dem Meer verbracht. Um schließlich als Kapitän zu arbeiten, braucht man viel praktische Erfahrung. Denn ein Kapitän navigiert das Schiff nicht nur, sondern hat auch Management-Aufgaben – und natürlich viel Verantwortung. Ich bin eigentlich noch Erster Wachoffizier. In dieser Position komme ich direkt nach dem Kapitän. Die Schiffe in der Seenotrettung sind aber ziemlich klein, deshalb darf ich schon als Kapitän arbeiten.

Wie kamen Sie zur Seenotrettung?
Ich habe mich schon 2015 als Freiwillige bei Sea-Watch gemeldet. Aber damals suchte der Verein keine Leute mehr. Letztes Jahr bekam ich dann eine E-Mail: Es war ein Kapitän ausgefallen, und Sea-Watch brauchte spontan jemand Neuen. Zu dieser Zeit arbeitete ich auf einem Schiff des Polarforschungsprogramms British Antarctic Survey. Ich nahm mir einen Monat Urlaub und flog nach Malta, wo die Sea-Watch startete.

Die Arbeit in der Seenotrettung wird nicht bezahlt. Helfen viele Freiwillige so wie Sie in ihrem Urlaub?
Einige machen das so, ja. Die meisten Einsätze dauern rund zwei Wochen, weil die Helfer nicht länger Zeit haben. Aber manche wollen länger mitarbeiten und haben deshalb ihren Job aufgegeben. Sie leben von dem Geld, das sie gespart haben. Das werde ich dieses Jahr auch tun. Geplant habe ich vier Monate im Sommer, diesmal für die Organisation Sea-Eye aus Regensburg. Die brauchen auch Leute. Ich sehe die verschiedenen Seenotrettungs-Organisationen als ein großes Team, denn allen geht es um dieselbe Sache.

Wie läuft ein Tag auf dem Schiff ab?
Während eines Einsatzes arbeitet man pro Tag zwölf Stunden oder mehr. Das Team auf dem Schiff besteht aus bis zu 18 Menschen, darunter sind Maschinisten, Elektriker, Ärzte und außerdem eine Person, die die Arbeit für die Öffentlichkeit dokumentiert, also filmt, Berichte schreibt und Fotos macht. Die Flüchtlingsboote starten meistens an den Stränden westlich von Tripolis, und die Schiffe der Seenotrettung fahren in der Region nach einem speziellen Suchmuster auf und ab. Dabei sind wir immer in Kontakt mit der Rettungsleitstelle Maritime Rescue Coordination Center, kurz MRCC, in Rom. Diese koordiniert die Einsätze der Schiffe. Wenn wir Menschen sehen, die Hilfe brauchen, müssen wir das dem MRCC melden. Gibt die Leitstelle dann das Signal, fahren wir auf kleinen Rettungsbooten zu den Flüchtlingen und helfen ihnen aus dem Wasser. Damit das ganze System noch effektiver und schneller funktioniert, will Sea-Watch dieses Jahr mit Drohnen arbeiten.

Wie viele solcher Rettungsaktionen gibt es pro Tag?
Es können 40 Notfälle an einem Tag sein.

40? Das sind viele.
Mich ärgert an dem Ganzen die Rolle der Marineschiffe der EU. Die sind viel besser ausgerüstet als die Schiffe der NGOs. Ich finde, die Seenotrettung sollte Aufgabe dieser Marineschiffe sein. Das MRCC bekommt aber keine Informationen über deren Standorte im Mittelmeer. Das macht eine Kooperation sehr schwierig.

Was tun die Marineschiffe bei einem Notfall?
Die helfen dann schon auch. Das Problem ist aber ihr Mandat. Der Auftrag der EU-Marinemission Sophia ist die Suche nach Menschen- und Waffenschmugglern – und nicht die Rettung der Flüchtlinge. Und genau das ist meiner Meinung nach falsch.

Es gibt auch Kritik an NGOs wie Sea-Watch. Ein Argument ist, dass sie zwar etwas gegen die Symptome der Flüchtlingskrise tun, aber nichts gegen deren Ursachen – und dass sich die Situation so nicht ändern wird.
Für die EU sind NGOs sehr praktisch. Die Regierungen lassen Schiffe wie die Sea-Watch arbeiten, unterstützen sie aber nicht direkt. So kann die Staaten niemand zum Sündenbock machen. Es stimmt nicht, dass wegen unserer Rettungsaktionen mehr Menschen über das Mittelmeer nach Europa flüchten. Sie flüchten wegen der schlimmen Situation in ihren Heimatländern.

 

sea watch Carola Rackete
Carola Rackete (29) aus Celle arbeitet seit 2016 als Kapitän für verschiedene private Hilfsorganisationen wie Sea-Watch und Sea-Eye.


Für mich persönlich sehe ich vor allem die Aufgabe der Seenotrettung. Ich weiß nicht, ob das gute oder schlechte Menschen sind, denen ich helfe. Ich sehe aber, dass sie Hilfe brauchen. Auch weiß ich nicht, wie es für die einzelnen Flüchtlinge an Land weitergeht. Ich habe nicht die Ausbildung, um darüber zu entscheiden.

Was ist Ihre Motivation für die Arbeit als Freiwillige?
Ich mache so etwas nicht zum ersten Mal. Früher habe ich zum Beispiel im Naturschutz gearbeitet. Es ist ganz einfach: Die Menschen in Seenot brauchen Hilfe. Von der EU bekommen sie die leider nicht, deshalb müssen es andere tun. Und zwar jetzt. Ich kann direkt helfen, und die Menschen sind dafür sehr dankbar. Bei anderen Freiwilligenprojekten ist das anders. Da sieht man die Resultate seiner Arbeit erst viel später, manchmal erst nach Jahren.

Also ist die Dankbarkeit der geretteten Menschen der Lohn für Ihre Arbeit?
Es ist schön, das zurückzubekommen, ja. Auch denke ich: Worauf will ich später, mit 60, zurückschauen? Was habe ich dann mit meinem Leben gemacht?

Aber Sie erleben nicht nur Positives. Über einen schockierenden Einsatz der Sea-Watch im Mai 2016 haben viele Medien berichtet. Sie waren dabei. Wie war das für Sie?
Das war im letzten Jahr einer der schlimmsten Unfälle. Vor der libyschen Küste war ein Holzboot mit mehr als 300 Flüchtlingen darauf gekentert. Auf solchen Booten ist für weniger als die Hälfte an Personen Platz. Als unser Schiff dort ankam, war die italienische Marine schon da und hatte einige Menschen retten können. Aber im Wasser schwammen viele Leichen. Mitglieder unseres Teams haben geholfen, sie zu bergen. Ich war nicht unter ihnen, denn als Kapitän war ich auf der Brücke und habe den Einsatz geleitet. Ich war also nicht so nah dran. Deshalb komme ich ganz gut mit den Erinnerungen zurecht. Das wäre aber sicher anders, wenn ich selbst auch Leichen aus dem Wasser gezogen hätte. Viele kämpfen bis heute mit den Erinnerungen an diesen Einsatz. Mich machen solche Ereignisse vor allem sauer. Die Flüchtlinge sind nicht krank oder so. Sie sterben, weil der Weg über das Mittelmeer ihre einzige Möglichkeit ist, Europa zu erreichen. Sie können sich nicht einfach ein Flugticket kaufen, es gibt keinen anderen Weg für sie.

Bei der Aktion wurde ein Foto gemacht, das weltbekannt wurde: Ein Freiwilliger von Sea-Watch hält ein totes Baby im Arm.
Das war Martin Kolek. Er hat inzwischen ein Buch darüber geschrieben: Neuland. Nach dem Einsatz fand er den Namen des Kindes heraus. Es hieß Mohamed.

Auf das Foto haben einige Menschen sehr emotional reagiert. Ist es trotzdem so, dass sich viele an die Nachrichten und Bilder von der humanitären Katastrophe im Mittelmeer gewöhnt haben?
Ich denke ja. Es braucht leider meistens ein größeres Unglück wie das im Mai letzten Jahres, damit die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer den Menschen in Europa nicht egal sind.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von einem Einsatz zurückkommen?
Am Anfang ist es am schwierigsten, weil die Erinnerungen dann noch sehr intensiv sind. Niemand kann danach einfach so weitermachen wie vorher. Gespräche darüber mit Freunden oder Verwandten sind nicht leicht, weil sie nicht dabei waren und deshalb nicht so gut verstehen können, was man denkt und fühlt. Da entsteht schon eine Distanz. Jeder Katastrophenhelfer kennt das. Sea-Watch macht vor und nach jedem Einsatz eine Traumaberatung.

Wie verbringen Sie aktuell die Zeit zwischen den Einsätzen?
Zurzeit mache ich in Liverpool ein Masterstudium für Naturschutz. In Deutschland habe ich schon seit ein paar Jahren keine Wohnung mehr. Das habe ich so entschieden, um Geld zu sparen. Auch dadurch kann ich mir die Einsätze leisten.

 

die Flucht, hier: Weggehen aus der Heimat aus religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder ethnischen Gründen
in Seenot sein, in einer gefährlichen Situation auf dem Meer sein (die See, Meer)
klingen, hier: zu hören sein
navigieren, ≈ ein Schiff fahren
der Wachoffizier, -e, ≈ Person, die auf einem Schiff mit Schichtbetrieb das Schiff fährt
(der Schichtbetrieb , sich ändernde Arbeitszeiten, manchmal nachts, manchmal am Tag)
(der Offizier, -e, hier: Person mit hoher Position auf einem Schiff)
sich melden, hier: fragen, ob man mitfahren und mitarbeiten kann
ausfallen, hier: nicht mitmachen können
das Polarforschungsprogramm, -e, Programm für systematische Untersuchungen in den Polarregionen
einige (-r/-s), ein paar
der Einsatz, -ae, hier: Hilfsaktion
aufgeben, hier: kündigen
… geht es um …, hier: … sehen … als ihre Aufgabe
ablaufen, ≈ passieren; stattfinden


darunter, hier: zum Beispiel
die Öffentlichkeit, hier: Medien und ihr Publikum
das Flüchtlingsboot, -e, Boot mit Personen, die aus religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder ethnischen Gründen aus ihrer Heimat weggehen / weggehen müssen
das Suchmuster, -, ≈ Art, wie gesucht wird
auf und ab hier: ≈ auf speziellen Wegen hin und zurück
die Rettungsleitstelle, -n , hier: Abteilung, wo alle Notrufe ankommen und die Schiffe zu den Notfällen schickt
melden, hier: mitteilen; informieren
die Drohne, -n, hier: Fluggerät ohne Pilot an Bord
solche (-r/-s), von der genannten Kategorie
die EU, kurz für: Europäische Union
ausgerüstet, hier: so, dass sie die Technik und Geräte an Bord haben, die man braucht
die NGO, -s, kurz für: Nichtregierungsorganisation
sollte, hier: es wäre gut, wenn
der Standort, -e, hier: Ort, an dem ein Marineschiff ist
der Menschenschmuggler, -, Person, die andere Personen illegal über internationale Grenzen bringt
der Waffenschmuggler, -, Person, die illegal Waffen verkauft
(die Waffe, -n, Gerät zum Kämpfen, z. B. Pistole)
die Ursache, -n, Grund
zum Sündenbock machen, ≈ sagen, dass … schuld ist

der Naturschutz , von: Natur schützen
dankbar, ≈ froh
erleben, hier: die Erfahrung machen
kentern, ≈ zur Seite fallen und sinken
(sinken, hier: ≈ im Wasser nach unten fallen)
Platz sein, groß genug sein
die Leiche, -n, Körper eines toten Menschen
bergen, hier: aus dem Wasser holen
unter, hier: bei
nah dran, in direkter Nähe
gezogen hätte , Konj. II der Vergangenheit von: ziehen
sauer, hier: ärgerlich
einfach, hier: ohne Probleme
herausfinden, durch Fragen entdecken
sich gewöhnen an, etwas oft tun oder sehen, bis man es normal findet
das Unglück, -e, hier: Unfall
entstehen, hier: ≈ passieren, dass plötzlich … da ist
sich leisten können, hier: bezahlen können